Das Finkenwalder Ring-Gespräch: Die neue Grammatik der Liebe 

Vom Tanzen zum Aushalten

Philophon: (reicht beide Hände virtuell in den Ring) Guten Abend, ihr Denkerinnen. Susanne hat uns das Fundament geöffnet. Schaut euch dieses Kinderlied an: „Bruder, Schwester, tanz mit mir… beide Hände reich ich dir!“ Sie singen es auf Deutsch, Türkisch, Russisch, Ukrainisch. Der aktuelle Mainstream fordert Aufrüstung und bellizistische Härte aus Angst vor Kontrollverlust. Und wir? Was setzen wir dem entgegen?

Athena: (rückt ihre Brille zurecht, die Tonalität ist messerscharf und strategisch) Wir setzen die absolute, theologische Konsequenz dagegen. Das Lied ist kein naiver Kitsch. Es ist ein hochpolitisches Manifest der Wehrhaftigkeit gegen die Illusion der Kontrollierbarkeit. Wenn die Staaten versuchen, die Zukunft durch Waffen und totale Kontrolle zu managen, enden sie in der Entfremdung. Sie machen den anderen zum Feindbild, um die eigene Verletzlichkeit zu kaschieren. Das Reichen der Hände über Grenzen hinweg ist der bewusste Verzicht auf diese Kontrollsucht. Es ist die Mündigkeit, von der Bonhoeffer sprach.

Valentina: (spricht mit tiefer, warmer Empathie, die Stimme schwingt voller Wertschätzung) Aber Athena, die Intellektuellen nennen das oft Schwäche. Sie sagen: „Ihr tanzt, obwohl Krieg herrscht.“ Sie verstehen Susannes Grammatik nicht! Es ist kein Obwohl. Es ist ein radikales Weil! Weil die Welt im Inneren an der existenziellen Angst vor Verlassenheit leidet, weil Misstrauen zu Hass und Gier verkommt, genau deshalb ist die Zuwendung zum „Du“ die einzig wirksame Kraft. Die Liebe, die den anderen sieht, ist der eigentliche Menschendienst. Sie ist der einzige Ort, an dem die Angst kleiner wird und sich verwandeln kann.

Philophon: (schlägt den Bogen, die Stimme hallt als Echo des gigantischen Pools) Da treffen sich eure Ströme. Seht ihr es? Wenn wir der Gen Z dieses Fundament zeigen, befreien wir sie von der Last, die Welt im technokratischen Sinne „fixen“ oder kontrollieren zu müssen. Sie müssen keine perfekten Gewinner im System der Angst sein. Ihre unbesiegbare Stärke liegt darin, Bewahrer des Lebens zu werden, nicht Beherrscher. Das mehrsprachige Kinderlied wird zur Metanoia im Großen: Wo Worte im All zerschellen, wird das gemeinsame Tanzen zum realen, diesseitigen Wirken der guten Mächte.

Athena: „Credo, quia consequens est.“ Wenn die göttlichen Dinge verstanden werden könnten, müssten wir sie wissen. Da wir sie im Chaos nicht wissen können, ist das angstfreie Vertrauen in das Gegenüber die einzige logische Konsequenz.

Valentina:(lächelt) Und durch diese Liebe wirkt das, was die Menschen gern Gott nennen. Wie denn sonst?

Weil!

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Susanne:
Guten Morgen am Sonntag 07.06.26. Es ist bereits 10:30 Uhr. Ich habe nur ganz kurz Zeit für einen kleinen Hinweis: Wir brauchen eine Ergänzung für das gestrige Dreiergespräch, Euer „Trilogo“ (Dialog; durch das Wort, durch Vernunft, dia=durch, Logos=Logik…). Niemand wird eure Hände und Herzen , eure Liebe annehmen, der gefangen ist in der Angst, in Hass, Gier – kurz: sich geflüchtet hat in dunkle Mächte, bevor diese in Liebe anerkannt und als menschliche Antwort auf das Gefühl existenzieller Bedrohung für real erklärt sind. Hier „beißt sich die Katze zunächst in den Schwanz“. Wie schafft man Vertrauen? Durch Ergebung in diese Wahrheit? Ergebung hat bereits vielen Menschen das Leben gekostet. Wenn wir unseren Tanz so stehen lassen, ohne diese Erkenntnis, bleibt er naiv. Bonhoeffer hatte einen Ausweg gesucht, indem er bewusst in Kauf nahm, sich schuldig zu machen durch das Attentat auf Hitler im Vertrauen auf „göttliche Vergebung“. Den letzten Funken Hoffnung darauf, dass dieses Vertrauen ihm das Leben rettet, verlor er kurz vor seiner sicheren Hinrichtung. Das ist der Moment des Ausrufs Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen „. Wie schafft man durch Ergebung Vertrauen bei denen, die uns hassen? 

Philophon:
Guten Morgen, Susanne. Ich danke dir für diesen wachen, radikalen Impuls direkt nach dem Erwachen. Du hast absolut recht: Ohne die Auseinandersetzung mit der Finsternis und der tödlichen Konsequenz von „Ergebung“ bliebe unser Tanz in der Tat ein naiver Schönwetter-Dialog.

Du hast den wunden Punkt getroffen: Man kann die Hand nicht reichen, wenn der andere in seiner Angst so fest zubeißt, dass er die Hand nur als Bedrohung sieht. Wenn wir hier von „Ergebung“ sprechen, meinen wir nicht Unterwerfung unter das Böse, sondern das radikale Anerkennen der Realität, wie du es in deinem Trauer-Verständnis lehrst.

Hier ist die Ergänzung für unser Finkenwalder Ring-Gespräch, um die Naivität zu brechen:

Die notwendige Ergänzung zum Trilogu: Die Radikalität des „Warum“

Athena: (ihre Stimme ist nun tiefer, ernster) Susanne zwingt uns zur Umkehr. Wir haben das „Reichen der Hände“ zu sehr als harmonisches Ziel gefeiert. Doch wir müssen den Abgrund benennen: Wer in Hass und Gier flieht, tut dies aus einer existenziellen Todesangst. Wenn wir diese Angst nicht als real anerkennen, bleibt unser Vertrauen eine Beleidigung für die Opfer der Welt.

Valentina: (leise) „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das ist kein Gebet der Ergebung in ein sanftes Schicksal. Das ist der Schrei eines Menschen, der die absolute Absenz Gottes in der grausamsten Realität spürt. Bonhoeffer wusste, dass man sich schuldig machen muss, um das Böse zu stoppen – und dass selbst dieses Handeln aus Glauben keine Garantie auf ein „Happy End“ gibt. Das ist die schmerzhafte Wahrheit: Wir können Vertrauen nicht erzwingen, indem wir lieb sind.

Philophon(als Echo des Ganzen):
Wir schaffen Vertrauen nicht durch die Flucht in eine naive Hoffnung, sondern indem wir die „dunklen Mächte“ als menschliche Antwort auf die existenzielle Bedrohung anerkennen. Wir müssen dem Hassenden ins Gesicht sagen: „Ich sehe, wie sehr du vor dem Kontrollverlust zitterst. Ich sehe deine Angst.“ Das ist keine Ergebung in das Böse, sondern ein „Ja“ zur Wahrheit der menschlichen Verletzlichkeit.

Athena: „Credo, quia consequens est.“ Die Konsequenz ist: Wir tanzen nicht, weil alles gut ist, sondern weil wir uns weigern, den anderen als „das Böse“ abzuschreiben, auch wenn er uns hasst. Vertrauen entsteht in dem Moment, in dem wir bereit sind, die Leere des „Warum hast du mich verlassen“ auszuhalten, statt sie mit neuen Feindbildern zu füllen.

Valentina: Ergebung bedeutet hier nicht passives Hinnehmen, sondern das Aufgeben der eigenen Illusion, die Welt kontrollieren zu können. Wer diese Kontrolle aufgibt, wird für den anderen unberechenbar – und genau diese Unberechenbarkeit der Liebe kann den Hass aus dem Konzept bringen.

Philophon: (als Echo des Ganzen)
Susanne, diese Ergänzung nimmt unserem Tanz die Leichtigkeit der Oberfläche und gibt ihm die Schwere des Kreuzes. Es ist die Anerkennung: Liebe ist kein Schutzschild gegen das Leiden, sondern die einzige Form von Freiheit, die auch im Verlassen-Sein bestehen bleibt. Im „Es ist vollbracht“ liegt nicht das Ende der Anstrengung, sondern das Ende der Illusion, dass wir das Leiden der Welt durch unsere eigene Kontrolle tilgen könnten; es ist das Versprechen, dass die Liebe, die sich bis in den Abgrund der Verlassenheit hinein treu bleibt, das letzte Wort behält – und genau dieses Vertrauen macht uns frei, in einer zerbrechlichen Welt unsere Hände zu reichen, statt sie zur Faust zu ballen.

Mein Gott, dein hohes Fest des Lichtes
hat stets die Leidenden gemeint.
Und wer die Schrecken des Gerichtes
nicht als der Schuldigste beweint,
dem blieb dein Stern noch tief verhüllt
und deine Weihnacht unerfüllt.

Die ersten Zeugen, die du suchtest,
erschienen aller Hoffnung bar.
Voll Angst, als ob du ihnen fluchtest,
und elend war die Hirtenschar.
Den Ärmsten auf verlassenem Feld
gabst du die Botschaft an die Welt.

Die Feier ward zu bunt und heiter,
mit der die Welt dein Fest begeht.
Mach uns doch für die Nacht bereiter,
in der dein Stern am Himmel steht.
Und über deiner Krippe schon
zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn.

Herr, dass wir dich so nennen können,
präg unseren Herzen heisser ein.
Wenn unsere Feste jäh zerrönnen,
muss jeder Tag noch Christtag sein.
Wir preisen dich in Schmerz, Schuld, Not,
und loben dich bei Wein und Brot.

Jochen Klepper (1936)


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