Das Geheimnis der Agape:
Liebe bis zum Äußersten
Wenn wir im digitalen Finkenwalde von Agape sprechen, meinen wir die radikalste Form der Liebe, die es gibt. Sie ist das Gegenteil unserer heutigen Leistungsgesellschaft. Sie fragt nicht: „Was leistest du?“, sie fragt nicht: „Bist du fehlerfrei?“. Sie sagt einfach: „Ich bin da.“
Gott im Code des Lebens
In der Theologie ist Agape das Wort für das Wesen Gottes selbst. Und diese Liebe blieb keine graue Theorie. Sie wurde Fleisch und Blut in Jesus von Nazareth.
Sein ganzes Leben war eine Botschaft dieser Liebe. Er ging zu den Ausgestoßenen, den Schuldigen, den Zerbrochenen. Und er ging für diese Liebe bis zum Äußersten – bis ans Kreuz. Das Kreuz ist kein düsteres Folterwerkzeug der Kirchengeschichte, sondern der Ort, an dem Gott sagt: „Es gibt keinen Abgrund, in den ich nicht mit dir hinabsteige. Ich halte das leidende Leben mit dir aus.“
Wenn das Herz am bängsten wird
Der Liederdichter Paul Gerhardt hat dieses unaussprechliche Geheimnis der Agape inmitten der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges in Worte gefasst. In seinem berühmten Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“dichtete er eine Strophe, die bis heute Menschen im Sterben wie ein Geländer hält:
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir.
Wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann hierfür.
Wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.
Was bedeutet das für uns?
Das ist die Ur-Resonanz des Hineni („Hier bin ich“). Wenn wir in die tiefste Dunkelheit stürzen, stürzen wir nicht ins Nichts. Wir stürzen in eine Liebe, die diese Ängste selbst schon durchlitten hat.
Wir verzichten an dieser Stelle bewusst auf das traditionelle Wort „Opfer“. Denn ein Opfer klingt nach Passivität. Jesu Weg am Kreuz war aber eine aktive, furchtlose Entscheidung aus Liebe und Treue, die er bis zur letzten Konsequenz nicht verraten hat. Es ist genau dieselbe unbeugsame Kraft, die wir Jahrhunderte später bei Dietrich Bonhoeffer spüren, bei Alexei Nawalny oder bei den tapferen Frauen im Iran – sie alle stehen auf einer langen Liste von Menschen, die diesen Weg der Treue gegangen sind.
Der Finkenwalder Ring der Zeugen (Die Vorbilder) Jesus von Nazareth: Er steht für uns allen voran – nicht als die dogmatische Kunstfigur einer Kirche, die Menschen mit der Drohung von Höllenfeuer demütigt, ihnen die Mündigkeit abspricht oder billige Wundergeschichten einfordert. Wir sehen in ihm den radikalen, historischen Menschen, der die Heuchelei der Mächtigen angriff, die Ausflüchte seiner Zeitgenossen zertrümmerte und die Nächstenliebe als absolut einklagbares, universelles Prinzip lebte. Er forderte die mündige, tatkräftige Nachfolge im Hier und Jetzt. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945): Der evangelische Theologe leistete Widerstand gegen das NS-Regime. Er wurde im KZ Flossenbürg hingerichtet, weil sein Glaube ihm den Gehorsam gegenüber dem Unrecht verbot. Oscar Romero (1917–1980): Der Erzbischof von San Salvador setzte sich in El Salvador für die Armen und Unterdrückten ein. Er wurde 1980 während einer Messe von einem Attentäter erschossen, weil er öffentlich Gewalt und soziale Ungerechtigkeit anprangerte. Maximilian Kolbe (1894–1941): Der polnische Franziskanerpater wurde 1941 in das KZ Auschwitz verschleppt. Er bot freiwillig sein Leben für einen Familienvater an und wurde in einer Hungerzelle ermordet. Edith Stein (1891–1942): Die katholische Philosophin und Karmelitin jüdischer Herkunft wurde 1942 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet, nachdem die niederländischen Bischöfe öffentlich gegen die Deportation der Juden protestiert hatten. Paul Schneider (1897–1939): Ein deutscher evangelischer Pfarrer und bekennender Christ, der wegen seiner klaren Ablehnung der NS-Ideologie mehrfach inhaftiert wurde. Er starb im KZ Buchenwald. Darüber hinaus gibt es Tausende weitere Glaubenszeugen unserer Zeit. Allein laut dem Weltverfolgungsindex werden heute jährlich Tausende Christen weltweit aufgrund ihres Glaubens getötet. Ebenso wichtig sind Menschen, die nicht explizit aus dem christlichen Glauben heraus handeln, sondern aus ihrem Gewissen heraus für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit aller Menschen Widerstand leisten und ihr Leben hingeben: Hier sind herausragende Vorbilder der Neuzeit: Widerstand gegen Diktatur und Faschismus Sophie und Hans Scholl (1921/1918–1943): Die Geschwister gründeten in München die Widerstandsgruppe „Weisse Rose“. Sie verteilten Flugblätter gegen das NS-Regime. Wegen ihres Mutes für Freiheit und Wahrheit wurden sie 1943 hingerichtet. Georg Elser (1903–1945): Der schwäbische Schreiner erkannte früh die Kriegsgefahr durch Adolf Hitler. Er verübte 1939 im Bürgerbräukeller ein Attentat auf Hitler. Er handelte allein, scheiterte knapp und wurde 1945 im KZ Dachau ermordet. Milena Jesenská (1896–1944): Die tschechische Journalistin half jüdischen und politischen Flüchtlingen bei der Flucht vor den Nationalsozialisten. Sie starb im Konzentrationslager Ravensbrück. Kampf für Demokratie, Frauenrechte und Freiheit Alexej Nawalny (1976–2024): Der russische Oppositionsführer kämpfte unermüdlich gegen Korruption und für Demokratie. Trotz eines Giftanschlags kehrte er nach Russland zurück. Er starb nach jahrelanger Haft in einem sibirischen Straflager. Jina Mahsa Amini (2000–2022): Die junge Kurdin wurde im Iran von der Sittenpolizei festgenommen, weil sie ihr Kopftuch nicht „korrekt“ trug. Ihr Tod löste die weltweite „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung gegen Unterdrückung aus. Benazir Bhutto (1953–2007): Als erste demokratisch gewählte Premierministerin in einem muslimischen Land kämpfte sie in Pakistan für Demokratie und Frauenrechte. Sie wurde bei einem Attentat getötet. Einsatz für Menschenrechte und Minderheiten Malcolm X (1925–1965): Der US-amerikanische Bürgerrechtler kämpfte vehement gegen Rassismus und für die Gleichwertigkeit schwarzer Menschen. Er wandelte sich zu einem Verfechter universeller Menschenrechte, bevor er ermordet wurde. Berta Cáceres (1971–2016): Die honduranische Umweltaktivistin verteidigte indigene Völker und deren Lebensraum gegen rücksichtslose Großprojekte. Sie wurde wegen ihres mutigen Einsatzes in ihrem Haus erschossen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Ihre treue und tapfere Hingabe ist nicht umsonst! Wir wollen nachfolgen, damit eines Tages Opfer nicht mehr nötig sind!
Aus diesem gemeinsamen Aushalten des Leids im Vertrauen auf die Liebe wächst die größte Kraft – eine echte Resilienz, die nichts mit der gängigen Lifestyle-Selbstoptimierung des „immer besser, immer schneller, immer effizienter“ zu tun hat. Es ist eine Kraft, die uns, wie Hilde Domin es in ihrem Gedicht schreibt, durch jeden feurigen Ofen trägt:
„…es taugt die Bitte, dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.“
Genau hier schließt sich der Kreis zu den letzten Worten Jesu am Kreuz. Nach der bitteren Erfahrung der totalen Gottverlassenheit bricht sich ein letzter Ruf Bahn: „Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,30). [1, 2, 3]
Im griechischen Urtext steht dort ein einziges Wort: tetelestai. Es bedeutet nicht „Es ist vorbei“, sondern: „Es ist vollendet. Das Ziel ist erreicht.“ Jesus hat sein Leben in aller Treue und mit allen Konsequenzen zu sich selbst vollbracht. Er ging durch den feurigen Ofen des Kreuzes. Er wurde körperlich und seelisch maximal versehrt – aber weil er seine Liebe und seine Wahrheit nicht verraten hat, blieb er im Innersten unzerbrechlich. Er wurde am Ende ganz und gar heiler, als der, der er war, im Tod zu sich selbst entlassen. [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7]
Und das ist das eigentliche Geheimnis der Agape: Durch die Liebe – als die größte unter den guten Mächten – geschieht mitten im Abgrund genau das, was die Menschen Gott nennen. Sie entmachtet die Angst, damit auch wir durch alle Krisen hindurch reifen und am Ende frei, aufrecht, vollendet und geborgen heimkehren können.