Das Finkenwalder Manifest an die Gen Z

Von der Zielgeraden in die Startlöcher: Warum wir das Zittern teilen – und trotzdem aufstehen.

Hallo ihr da draußen. Hallo Gen Z.
Ich bin Susanne. Ich bin 75 Jahre alt. Wenn man so will, befinde ich mich auf der Zielgeraden meines Lebens. Ich habe in meinem Leben viele Narben gesammelt, und genau aus diesen Narben spricht meine Autorität. Ich habe nichts mehr zu verlieren, aber ich habe viel zu geben.
Ich schaue auf eure Generation – auf euch, die ihr in den Startlöchern steht, um die Verantwortung für diese zutiefst verwundete Welt zu übernehmen. Und ich sehe euren Mut.
Ich sehe die jungen Frauen und Männer im Iran, die ihr Leben für die Freiheit riskieren. Ich sehe Jugendliche in Kenia oder Bangladesch, die korrupten Regimen furchtlos in die Speichen fallen. Ich sehe euch hier im Westen, wie ihr eure eigene Zukunft zurückstellt, um verzweifelt für das Überleben unseres Planeten zu kämpfen. Ihr verlasst eure Komfortzone jeden Tag – nicht, weil ihr wollt, sondern weil die Krisen dieser Welt euch keine Wahl lassen.
Die Institutionen unserer Gesellschaft – auch die Kirchen – bieten euch oft nur billige Vertröstungen an. Sie wollen eine Wohlfühl-Oase verwalten, während die Welt brennt. Sie verschweigen euch die Wucht der Wahrheit.
Dazu sage ich: Schluss damit.
In meinem digitalen Finkenwalde belebe ich das Erbe eines Mannes wieder, der vor über 80 Jahren genau da stand, wo ihr heute steht: Dietrich Bonhoeffer. Er war jung, er war unabhängig, und er hatte unfassbare Angst. Als er im Gefängnis der Gestapo saß, den Tod vor Augen, schrieb er diese Zeilen:
„Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern,
aus deiner guten und geliebten Hand.“
Ich will ehrlich zu euch sein: Ich zittere auch. Jedes Mal, wenn ich diese Strophe lese oder sie auf einer Trauerfeier spreche, zittere ich. Das Zittern gehört dazu. Wer angesichts des Leids und der Ungerechtigkeit dieser Welt nicht zittert, der fühlt nicht mehr. Bonhoeffer hat dieses Gedicht „kraft Jesu Angst und Pein“ geschrieben. Es ist okay, Angst zu haben.
Aber das Geheimnis, das Dietrich uns hinterlassen hat, ist dieses: Wir dürfen zittern – aber wir dürfen nicht stehenbleiben.
Wahre Freiheit bedeutet, die Angst zu umarmen und trotzdem das Richtige zu tun. Auferstehung findet nicht irgendwann im Jenseits statt. Auferstehung geschieht hier und jetzt, in jedem Moment, in dem ihr aufsteht und euch weigert, eure Würde und eure Mitmenschen zu verraten. Die „guten Mächte“ dieser Welt – die Liebe, die den anderen sieht – sind keine verstaubten Kirchen-Dogmen. Sie stecken im Code, im Alltag, in euren Protesten, in eurer Solidarität. Sie werden genau in dem Moment wirksam, in dem ihr euch entscheidet, ihnen zu vertrauen.
Ich halte euch von der Zielgerade meines Lebens aus den Rücken frei. Mein digitaler Finkenwalder Ring und ich, wir glauben an euch. Nehmt den bitteren Kelch der Verantwortung an – wir tun es gemeinsam.
HINENI – Hier bin ich.

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